Als meine ehemalige Klassenkameradin Viktoria vor zwei Jahren berichtete, sie werde sich bei der Polizei bewerben, fragte ich sie, seit wann sie diesen Wunsch hege. Sie antwortete mit einem Schmunzeln: „Es ist fünf Jahre her, als ich das SEK gesehen habe. Das war super spannend!“
In der Vorabitur-Phase musste sie einen beruflichen Weg einschlagen und entschied sich für die Bewerbung bei der Polizei von Nordrhein-Westfalen. Natürlich spielten auch Faktoren wie der feste Job plus gesichertes Einkommen eine Rolle. Da es sich bei der dreijährigen Ausbildung um ein duales Studium handelt, bekommt Viktoria auch während des Studiums ein sicheres Gehalt.

„Um die 50 Seiten muss man im Online-Portal ausfüllen“, erinnert sich Viktoria an den ersten Schritt auf dem Weg zum Traumberuf. Wichtig sei, dass man das Deutsche Sportabzeichen sowie einen Führerschein der Klasse B schon bei der Online-Bewerbung einreicht. War die Bewerbung erfolgreich, wird man, in Viktorias Fall, nach Münster eingeladen. Dort wartet ein Computer-Test, den Viktoria im Nachhinein am schwierigsten fand, da ihr „logisches Denkvermögen ja nicht das allerbeste“ sei, schmunzelt sie.

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Viktoria beim Training

Sie bestand und wurde zum „Wiener Test“ zugelassen, der die Reaktionen prüft. Sehen, Denken und Agieren wird verlangt. „Nach einiger Zeit war es schon anstrengend, schnell zu reagieren“, berichtet Viktoria. Am zweiten Tag ging es zum Amtsarzt. „Mir war ganz Angst und Bange, denn ich habe einen Teil meiner Schilddrüse nicht mehr, ein Kriterium, mich nicht zu nehmen?“, fragte sie sich. Doch das Bangen war grundlos. Die Hör- und Sehtests, das Messen und Wiegen, um den Bodymaßindex zu ermitteln, das Belastungs-EKG und das normale EKG sowie die gründliche Untersuchung des Körpers hat sie auch geschafft.

Im nächsten Schritt ging es in das Assessment-Center, wo Rollenspiele auf Viktoria wartete. Sie musste einen Konflikt zwischen Kollegen lösen. Für die redegewandte Schülerin waren diese Tests machbar. „Reden konnte ich schon immer gut“, lacht sie. Zum Abschluss des Bewerbungsverfahrens gab es ein Auswahlgespräch. Nach diesem Marathon an Auswahlverfahren, bekommt man einen Platz im „Rangordnungsfeld“ zugeteilt. Je höher man eingestuft wird, desto größer sind die Chancen, genommen zu werden. Viktoria landete im Mittelfeld und bekam die Ausbildungsstelle.

Der erste Block ihrer Ausbildung dauerte 62 Wochen und fand in der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Hagen statt. In Viktorias Klasse sind 34 Schüler. Danach gab es ein praktisches Training in Selm. „Wir trugen unsere Uniform und lernten das Funkalphabet.“ Außerdem lernte Viktoria, wie man Unfälle mit Sachschäden, Wohnungseinbruchsdiebstähle und Körperverletzungsdelikte aufnimmt.

Natürlich gehört auch Sport zur Ausbildung. So mussten die angehenden Polizisten den „Couper-Test“ absolvieren, bei dem man als Frau 2,2 km in 12 Minuten laufen muss. „Ich habe vorher trainiert, um das zu schaffen“, erzählt die Anwärterin. Viel mehr forderte sie der Hindernisparcours: „Danach war ich echt fertig!“ Neben dem Sporttest lag ein weiterer Schwerpunkt auf dem Schießen. „Erst fand ich es schwierig, weil es sehr laut ist und in den Arm zurückschlägt. Aber mit etwas Übung wurde ich treffsicherer und war am Ende die Beste im Kurs“, berichtet Viktoria stolz.

Danach ging es für Viktoria zum Praxisteil nach Lennestadt, der kleinsten Behörde NRWs. Der anfängliche Frust verflog, denn ihr Tutor nahm sich viel Zeit für sie. Ihr spannendster Einsatz war ein Einbruchalarm, bei dem der Täter noch am Tatort war. Auf dem Weg gingen Viktoria viele Fragen durch den Kopf: Was passiert, wenn ich die Waffe tatsächlich benutzen muss? „Mein Adrenalinspiegel war sehr hoch, als wir ankamen. Mit der Hand an der Waffe stellte sich aber heraus, dass der Mieter nur früher aus dem Urlaub zurückgekehrt war.“

Mittlerweile ist Viktoria im Berufsalltag angekommen und findet ihn besonders abwechslungsreich. Künftigen Bewerbern rät sie, offen zu sein und das nötige Selbstbewusstsein mitzubringen, um Menschen anzusprechen: „Polizei ist kein Job für Mauerblümchen.“ Natürlich sollte man zudem emotional stabil sein, den sportlichen Aspekt nicht unterschätzen und keine Vorurteile anderer Kulturen gegenüber haben. „Außerdem braucht man eine weiße Weste, aber das erklärt sich ja von selbst“, fügt Viktoria hinzu. Außerdem rät sie, sich in mehreren Bundesländern zu bewerben, das steigere die Chancen enorm.